Eigentlich hab ich es ihm während des Gesprächs mehr als einmal gesagt: das ist keine Schuldzuweisung, keine Vergeltung und schon gar nicht die Aufforderung nach einer Entschuldigung. Ich hab das ausschliesslich für mich getan. Ihm gesagt, dass ich alles präsent habe, was mit mir in meiner Kindheit so geschehen ist. Was er als passende Erziehungsmassnahmen so veranstaltet hat. Was er gerechtfertigt gefunden hat, in dem Versuch mich zu domestizieren, mich zu dem zu machen, was er sich von mir vorgestellt hat. Ich will das Geschehene hier auch gar nicht weiter ausbreiten; vielleicht auch deswegen, weil ich an den Erinnerungen noch zu arbeiten habe. Und sie mir nicht immer wieder vor Augen, sondern langsam den Abfluss hinunter führen will.
Aber dann, warum auch immer – ich hätte es eigentlich besser wissen müssen, wollte ich mit ihm darüber sprechen. Irgendeine Reaktion auf unsere gemeinsame, doch recht grausliche, Vergangenheit haben.
Hat ja doch einiges in mir verursacht: kombinierte Persönlichkeitsstörung, bipolare affektive Störung, Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität, Reaktion auf schwere Belastungen, posttraumatisches Angstsyndrom, generalisierte Angststörung, Essstörungen, hysterische Amnesie......
Natürlich hab ich keine Ahnung, ob die ganze Kreativität, das ganze schräge Lebensgefühl, die vielen Begabungen, diese gewaltige Lust an fast allem und Allen, diese Begeisterungsfähigkeit, diese Leidenschaft für jeglichen Genuss, diese Fähigkeit mich immer und immer wieder in der Sekunde umzudrehen und was Neues anzufangen, mich neu zu erfinden und vieles mehr da wäre, ohne die dunkle Seite meiner psychischen Zustände.
Aber darum geht es hier eigentlich gar nicht. Ich wollte ganz einfach einmal noch mit ihm ein Gespräch über das Geschehene führen und es dann zwischen uns endgültig ruhen lassen.
Und was hat er getan: er hat mir höchst glaubhaft versichert, dass all die Geschehnisse meiner kranken Psyche entspringen. Dass alles Einbildung ist, nie geschehen ist. Er hätte mir sagen können, dass er darüber nicht sprechen kann. Dass er sich (immerhin ist er mittlerweile ein alter Mann) daran nicht mehr erinnern kann. Er hätte mir alles sagen können. Und ich hätte es angenommen und die Sache endgültig auf sich beruhen lassen. Weil ich´s ihm eigentlich verzeihen wollte. Aber nein, er hätte mich meine psychische Behandlung in eine vollkommen andere Richtung, nämlich die Bearbeitung von paranoider Schizophrenie, lenken lassen. Ich hab das auch kurz getan; allerdings glücklicherweise nur kurz. Weil dann eben der Nachweis erbracht wurde, dass das Geschehene geschehen ist und ich nicht komplett verrückt bin. Eigentlich kann ich jetzt sagen: Glück gehabt.
Und das ist der Grund warum ich mich jetzt und hier von ihm verabschiede. Es wird ihm voraussichtlich kein Wimpernzucken kosten und er wird sein Leben in aller Zufriedenheit weiterführen.
Nur eines hat sich damit geändert: ich werde meine Arbeit an mir fortsetzen, irgendwann zu einem erfolgreichen Ende, besser gesagt Neuanfang, führen und dann – mein Leben in aller Zufriedenheit und einem tiefen Glücksgefühl weiterführen.....
Wie immer, bis sich die Einstellung unserer Gesellschaft geändert hat, beende ich meine Zeilen auch heute mit meiner gleichbleibend lautstarken Forderung: KEINE GEWALT GEGEN KINDER! -> http://www.scherasade.at

