08.02.2011

Der erste Schritt ist, zu den Überlebenden zu gehören.....


Wir haben die "Kindheit" überlebt, aber nichts wird je so sein wie es sein sollte. Bei den Eltern ausgezogen, aber die Angst zieht niemals aus. Seelische und emotionale Störungen bleiben grausame Lebensbegleiter, die sich niemals abschütteln lassen. Die innere Traurigkeit, die Einsamkeit, der niemals stillbare Hunger nach Liebe und Anerkennung, der Versuch Leben zu leben. Fernab von Genuss, Freude, Liebe und Leidenschaft. Weiter überleben, ohne die Intensität frei entwickelter Gefühle je spüren zu können. Aufgrund der Misshandlung in der Kindheit beeinträchtigte oder fehlgeleitete Entwicklung führt in der Pubertät und im Erwachsensein zu teils radikalen Störungen. Das Fürchten vor Berührung ist eine der vielen Konsequenzen, die das Leben begleiten. Zärtlichkeit in ihrer vollen Blüte als Wort beschreiben, aber niemals körperlich fühlen zu können. Die Intensität körperlicher Liebe nur zu erahnen. Geistige Liebe zwar in voller Pracht beschreiben zu können, aber den Geist der Liebe niemals aufzunehmen, aufnehmen zu können. Der erste Schritt ist, zu den Überlebenden zu gehören. Alle weiteren sind geprägt von dem Versuch Hass und Selbsthass in Lebensfreude, Zärtlichkeit, Leidenschaft, Genussfähigkeit und Lust umzuwandeln. Ich bin am Weg und werde täglich besser. Zur Zeit versuche ich Vertrauen - was immer das sein soll........

SCHERASADE. KEINE GEWALT GEGEN KINDER! http://www.scherasade.at

Liebe und Zärtlichkeit statt Schokolade........


Es ist wieder mal passiert. Einfach über mich gekommen. Unbremsbar. Ich bin daneben gestanden und hab mir selbst zugesehen. Einen ganzen Butterstriezel mit einem Liter Milch in eine Schüssel gegeben und binnen zehn Minuten verschlungen. Als Genussmensch und Ästhet kommt mir heute bei dem Gedanken an gestern das Grausen. Und wenn ich mir das Foto ansehe, muss ich fast wirklich kotzen. So hab ich vor einem Jahr ausgesehen, vor meinem ersten psychotherapeutischen Klinikaufenthalt. In der Zwischenzeit waren fast dreissig Kilo abgegangen, aber jetzt bin ich wieder am steilen Weg nach oben. Ich hab im psychosomatischen Zentrum meine Therapeutin mal gefragt, wie das sein kann. Warum ich mir selbst zusehe, wenn ich mir derartiges antue, aber nicht in der Lage bin das zu bremsen. Ihre Frage: "Womit sind sie in ihrer Kindheit belohnt worden?" konnte ich ohne nachdenken beantworten: mit Essen! Mit Süssigkeiten, mit Ovomaltine, mit Kuchen......
Da bin ich aber nicht alleine, das ist bis heute eine übliche Form der Belohnung für Kinder. Wird ja auch täglich kommuniziert: der liebe Opa mit dem Zuckerl, die vorrätigen drei Packungen Pralinen, strahlende Kinderaugen, wenn die Süssigkeiten ausgepackt werden.
Ich frage mich was wäre, wenn Kinder als "Belohnung" eine extra Portion Zärtlichkeit, ein zusätzliches Zeichen der Liebe bekommen würden? Wie würde ich mich heute verhalten, wenn mich eine Depression überfällt, wenn mein posttraumatisches Angstsyndrom die Macht über mein Tun übernimmt?
In meinen facebook Postings wünsche ich immer all meinen FreundInnen Freude, Liebe, Zärtlichkeit, Erotik und zeitweise auch mal so richtig guten Sex. Ein Wunschdenken, das oftmals ganz einfach an mich selbst gesandt ist. Und dann? Ein fetter Striezel mit Milch. Wunschbefriedigung auf hardcore Niveau. Psychisch gesehen auf jeden Fall.
Ich arbeite, auch in der in Kürze folgenden nächsten Therapieeinheit, hart an mir, meinen eingeprägten Mustern und meinen mannigfaltigen psychischen Ausnahmezuständen. Das ist harte Arbeit, mit immer wiederkehrenden noch härteren Rückschlägen. Wie eben der gestrige Striezel.
Natürlich handelt es sich dabei um einen Denkfehler oder einfach um Bequemlichkeit bei Eltern, der das Essverhalten der Kinder im Erwachsenenalter in die falsche Richtung lenkt. Und nicht zu vergleichen mit den überaus brutalen seelischen und körperlichen Misshandlungen, die sonst den Alltag sehr vieler Kinder (125.000 Fälle jährlich allein in Österreich!) bestimmen.
Und selbstverständlich ist mein radikal gestörtes Essverhalten in Verbindung mit meinen vielen „BegleiterInnen“ - kombinierte Persönlichkeitsstörung, bipolare affektive Störung, Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität, Reaktion auf schwere Belastungen, posttraumatisches Angstsyndrom, generalisierte Angststörung, hysterische Amnesie – zu sehen.
Trotzdem frage ich mich: wie würde ich mich heute verhalten, hätte ich Liebe und Zärtlichkeit statt Schokolade bekommen?

Und, wie immer bis sich endlich was ändert, verleihe ich auch heute wieder meiner generellen Forderung lautstark Ausdruck: KEINE GEWALT GEGEN KINDER!
Infos, Unterstützungsmöglichkeiten, Events:
SCHERASADE. KEINE GEWALT GEGEN KINDER! http://www.scherasade.at