30.10.2010

Weil´s raus sollte, danach.....15 (ergebnisorientiertes Arbeiten)

Da ergebnisorientiertes Arbeiten die wirtschaftliche Grösse schlechthin darstellt, empfiehlt sich die Misshandlung von Kindern als die beste und zielgerichtetste Variante um kaputte Menschen am laufenden Band zu produzieren, da die Erfolgsquote nachgewiesener Massen bei 100 Prozent liegt!

Ein persönlicher Auszug aus dem Erfolgsregister: Kombinierte Persönlichkeitsstörung, bipolare affektive Störung, Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität, Reaktion auf schwere Belastungen, posttraumatisches Angstsyndrom, generalisierte Angststörung, Essstörung.

Also ich finde, das kann man ruhigen Gewissens als perfekte Vollendung eingangs beschriebener Jobdescription bezeichnen. Damit wurde auch gleichzeitig eine Lebensaufgabe erzeugt, die einen - ab dem Zeitpunkt des Erkennens - pragmatisierten Dauerarbeitsplatz ohne Pensionierung bedeutet.

Im Sinne einer zukunftsorientierten Gewinnmaximierung darf in der Folge selbstverständlich höchstes Verständnis für die Weitergabe dieses Erfolgsmodells über Generationen entgegengebracht werden.

Der unverbesserlichen Opposition dieses perfekten Arbeitsmodells empfehle ich mein Projekt:
SCHERASADE. KEINE GEWALT GEGEN KINDER! http://www.scherasade.at

29.10.2010

Weil´s raus sollte, danach.....14

Wenn wir geschlagen wurden, gab es zwei Alternativen: entweder ich war zuerst dran oder eben nach meinem Bruder. Wenn ich zuerst dran war, hab ich danach nur mehr mich selbst gehört. Was aber wirklich die absolute Hölle war, wenn ich nach meinem Bruder dran war. Denn dann hab ich vorher auch auch noch meinen Bruder schreien gehört.
Schreie, die ich bis an mein Lebensende nicht vergessen werde. Und vor allem Schreie, die ich bis an mein Lebensende nicht VERZEIHEN werde! Niemals!
Auch wenn meine Psychologin mir gesagt hat, dass eine komplette Heilung und damit ein freudiges, erfülltes Leben nur möglich ist, wenn ich meine Kindheit verzeihen würde...

Weil´s raus sollte, danach.....13

Bevor ich ins psychosomatische Zentrum gekommen bin, hatte ich die Idee in Zukunft von Schreiben und Kochen zu leben. Mit fremden Menschen kochen, kosten, erfahren, sitzen, essen, gehen, schreiben. Also wenn´s irgendwer verkauft und mir genug daraus macht, dass ich das Leben finanzieren kann. Das war die Idee. Auf meinem bunten Planeten dahinzuschreiten und einfach sein zu dürfen. Jetzt weis ich nicht, ob das noch Gültigkeit hat. Aber es ist noch immer eine geile Idee!
Ich hab das Fenster offen stehen, die Jalausie ist hochgezogen und ich lasse einen kleinen Teil der Welt da draussen herein. Und das auf Dauer. Mag für andere unglaublich sein; für mich ist das ein grosser Schritt. Wer will, darf reinschauen, mich besehen. Mit den Blicken verfolgen. Beobachten. An meinem Jetztplatz. Und das stört mich nicht. Ich bin verwundert. Nicht froh, nicht frei, ziehe keinerlei Erkenntnis daraus, bin nicht glücklich darüber. Aber immerhin verwundert. Und das tut auch schon gut. Einatmen, ausatmen und gut tun fühlen. Fühlt sich gut an. So gut, dass ich Weinen könnte. Wenn ich könnte.
Mag sie hören. Mag sie spüren. Mag mich an sie kuscheln, Löffelstellung, sie vor mir, nackt, angenehm, warm, Körper an Körper. Sie halten, die Augen schliessen und ganz lange so liegen. Bis sie fühlt, dass ich sie liebe. Nur so, ganz einfach jetzt. Weil ich sie liebe. Schon seit sehr langer Zeit. Und weil sie mir abgeht. Ein schöner Gedanke, den ich jetzt mal eine zeitlang halte, mir nicht nehmen lasse.

Zitat aus meiner Kindheit: "Du wirst einer Frau nie was bieten können, wenn du so weitermachst. Keine anständige (was soll das eigentlich bedeuten, gibt´s auch unanständige?) Frau wird sich je mit Dir einlassen. Oder auch: Am Besten suchst Du Dir eine reiche Frau, denn aus eigener Kraft wirst Du Dich leider nie erhalten können. Es tut uns leid, dass Du nicht so gescheit bist wie Dein Bruder. Da kann man halt nichts machen. Aber du bist ganz geschickt. Lern halt ein Handwerk; davon kann man auch ganz gut leben. Ist ein Pech, aber es ist leider nicht jeder zum Denken geboren." Und dann gab´s da noch die Vorstellung, wenn die ach so lustigen Bekannten zu Besuch waren. Ich darf vorstellen: "Das sind meine Missratenen" (und mein Bruder und ich durften blöd dazu grinsen). Keine Ahnung was sie damit sagen wollten. Vielleicht, dass sie die einzige Form des beachtenswerten Lebens vertreten. Dass Leben nur im Sonnenschein von Macht, Geld, Autos, Häusern und zur Schau gestelltem Erfolg das Richtige ist. Und alles andere eine niedrige Lebensform darstellt, verachtenswert, aber man muss halt damit umgehen können? Eine gepflegte Hülle zeigen, damit das was wirklich dahinter steht nicht ans Tageslicht kommt. Es hat verdammt lange knapp 50 Jahre gedauert, bis ich es mir und auch dem Rest der Welt lautstark eingestehen kann: da scheiss ich einen riesen Krapfen drauf! Ich weis zwar nicht wer ich bin, aber wer mich nicht sein will weil ich ich bin, auf den verzichtet mein mir unbekanntes Ich ab jetzt. Und zwar ohne Ausnahme, denn was mir klar vor Augen steht: ich habe eine etwaige Schuld an was auch immer schon lange abgetragen. Steht jetzt hier; und ist schön. Lässt mich lächeln. Und befreit. Mich von euch. Hier und jetzt.

Weil´s raus sollte, danach.....12

Mein Weinkeller. Das war ein wirklich ganz aussergewöhnlicher Platz in Weiden am See. Blick über den ganzen Neusiedler See, kein Strom, kein Irgendwas, einfach ein Weinkeller. Mit einer kleinen Sitzmöglichkeit am Dach. Hat meinem Vater gehört. Mein Bruder und ich haben immer mitgearbeitet, wenn´s was zu tun gab. Und haben den Platz genossen. Dann hat ihn mir mein Vater geschenkt. Weil er sowieso schon alles in Neusiedl verkauft hatte (so wie „das wird mal alles euch gehören - Haus“). Und auch nicht mehr hingefahren ist. Hat mich eines Tages gefragt ob ich den Weinkeller haben will. Ja, ja, ja, ja... Schlüsselübergabe (feierlich) und natürlich noch alles nach Wien führen, was so drin war. Das war mir sehr recht, denn so konnte ich drinnen nach eigenen Gedanken meinen Platz gestalten. Oder besser gesagt, hätte können. Denn nach nicht einmal einem Jahr hat mir ein örtlicher Bauer erzählt, dass der Weinkeller einen neuen Besitzer hat. Mein Vater hat ihn verkauft gehabt. Weil ich den Rasen auf dem Keller nicht so gemäht hatte, wie er sich das vorgestellt hätte. Ich hab´s damals einer guten Freundin versprochen, weil der "Winzerkönig" in meinem Keller gedreht wurde und dementsprechend nichts verändert werden sollte, bis der Dreh beendet war. Aber es war in meinem Zusammenleben mit meinem Vater schon immer so, dass er gewusst hat, wie der Planet auszusehen hat. Ganz egal was um ihn herum geschieht. Und wer das nicht versteht wird - domestiziert. Hat er mit dem Weinkeller zum letzten Mal bei mir versucht. Und - es ist ihm wieder nicht gelungen :-). Was soll´s, Besitz belastet und der von meinem Alten an mich übergebenen eigentlich doppelt. Ist vielleicht besser so. Ausser, dass ich mir jetzt einen anderen Platz suchen muss um mir darüber klar zu werden wer ich eigentlich bin. Mich mit mir bekanntzumachen, vielleicht sogar mit mir anzufreunden.

Weil´s raus sollte, danach.....11

Das Ergebnis eines Schlüsselgesprächs mit meiner Psychologin ist der absolute Hammer: Ich stelle für mich selbst überhaupt keinen Wert dar. Will heissen, ich kann mich selbst als Wert überhaupt nicht definieren. Und wie es aussieht, habe ich als Wert für mich bisher noch nie existiert. Der Wert meines Tuns und Schaffens sehr wohl, aber der Wert meines Seins existiert für mich nicht. Das ist ein ungewöhnlich tiefes Loch. Und eine radikale Lebensveränderung, wobei ich nicht weiss, wohin, was oder überhaupt....
Jetzt ist alles irgendwie neu, komisch, unerforscht. Irgendwie herrscht zur Zeit eine gewaltige Leere in mir, weil ich überhaupt nicht weis was ich anfangen soll, wo ich anfangen soll. Ich muss mich selbst mal kennenlernen um mich dann zu definieren. Keine Ahnung wohin das führt. Ein ruhiger Platz wäre jetzt wirklich was wunderbares. Ich hab mal kurz einen gehabt. Aber der ist wieder weg. Mein Weinkeller......

Weil´s raus sollte, danach.....10

Und dann ist sie ganz plötzlich wieder da. Von einer Sekunde zur anderen. Diese immens mächtige Traurigkeit. Und die ganz gewaltige Einsamkeit im Kopf, die sich partout nicht vertreiben lässt. Und der Wunsch mich irgendwo hineinzukuscheln und das alles einfach zu vergessen, sein zu lassen, was es sein will. – "Ich hab mir meine Welt verletzt, hab mich nicht davon in Kenntnis gesetzt, dass meine Liebe nicht von Dauer ist, ich bin für mich das letzte Biest." – Ist jetzt einfach so gekommen und ich denke, das könnte ein guter Refrain für ein Lied sein. Dazwischen die Strophen, gerappt.

Ich schau sie mir an, die meine Welt,
die mir im Moment gar nicht gefällt,
sie ist grau, kaputt und richtig alt,
beherrscht von einer ganz diffusen Gewalt,
die echt tief in mir drinnen steckt,
wieder mal ist mir mein Geist verreckt,
lässt´s nicht sein ganz bunt und schön,
lässt mich nicht hinaus und auf die Strasse gehen,
nimmt mir weg, was für mich Leben heisst,
mein Geist geht mir ganz schön auf den Geist.

Ich hab mir meine Welt verletzt, hab mich nicht davon in Kenntnis gesetzt, dass meine Liebe nicht von Dauer ist, ich bin für mich das letzte Biest.

Fuck it man, denk ich mir dann,
das kann doch nicht so weitergehn
ich muss es schaffen meinen Mann zu stehn,
und dann frag ich mich: eigentlich, für wen?
Für alle die mir heute wieder auf die Nerven gehen?
Doch es sind nicht die Andren, die mich bremsen,
es ist in mir, die Pest, das Wesen,
das mein Leben fast zu Tode würgt,
bla, bla, bla...

Ich hab mir meine Welt verletzt, hab mich nicht davon in Kenntnis gesetzt, dass meine Liebe nicht von Dauer ist, ich bin für mich das letzte Biest. –

Nicht gerade erfolgsversprechend, aber das ist mir gerade so rausgesprudelt, also muss es eben hier sein.....

Weil´s raus sollte, danach.....9

Hatte gerade einen Spaziergang auf der Gemeinschaftswiese gemacht und da hat mich eine Biene in den Fuss gestochen. Für mich ein kurzer durchdringender Schmerz, aber für die Biene der sichere Tot. Für das erste Mal im Leben, dass sie sich heftig verteidigt hat, hat sie ihr Leben ausgehaucht. Ich hab ja keine Ahnung ob sie das vorher gewusst hat, aber auf jeden Fall ist das alles andere als lustig. Mich allerdings führt es zu einer weiteren, sehr lustigen Geschichte. Von einer so richtig grauen Tante, rund um die fünfzig. Eine von denen, die sich ihr Leben lang nie trauen den Mund aufzumachen, sicher nie ein lautes Wort verlieren. Sich immer ducken und jegliche Schuld ganz automatisch bei sich selbst suchen. Von ihr ist hier die Rede, und von ihrer Nachbarin. Marke „ich bin die Hüterin dessen was sich gehört und das sage ich immer laut, jedem der es hören will oder auch nicht“. Auf die penetrant unangenehme Art wie wir sie von den verkappten Ordnungshütern kennen. Jenen die unter einem diktatorischen Regime sofort stramm stehen und ihre besten Freunde denunzieren würden, weil es nun mal ihre gottverdammte Bürgerpflicht ist. - Nun, die beiden leben Haus an Haus in einer Siedlung. Vorgarten, Haus, Garten, alles brav eingezäunt, wie es sich gehört. "Frau Pflichtbewusst" geht unserer grauen Maus fast täglich ganz fest auf die Nerven. Das Rad des Enkelkindes im Vorgarten, die nicht akkurat geschnittene Hecke, das am Sonntag nicht gewaschene Auto, dass „man sich ja richtig genieren muss“ und allerlei mehr. Tag aus Tag ein die gleiche nervtötende Leier. Und natürlich macht sie auch bei jeder Gelegenheit Stimmung gegen unsere graue Maus. Weil so was ganz einfach nicht in diese gepflegte Siedlung gehört, weil das ja den guten Ruf zerstört, weil das eben so einfach jetzt wirklich nicht mehr weitergeht. Und unserere graue Maus erträgt das Jahr aus Jahr ein. Immer wieder auf´s Neue innerlich verletzt. Aber sagen tut sie nichts. Weil sie sich nicht traut. Weil sie es nie gelernt hat. Weil sie es eben wirklich nicht kann, nicht über´s Herz bringt. Eines Tages geht sie bei einem Geschäft vorbei und entdeckt in der Auslage einen doch eher sehr grossen Gartenzwerg mit heruntergelassner Hose. Und genau der steht seit damals auf der Begrenzungssäule ihres Grundstücks und streckt der Nachbarin seinen nackten Arsch entgegen. Seitdem bekommt der Gartenzwerg, immer wenn die Nachbarin keift, einfach einen netten Streichler über den blanken Hintern. Und alles ist gut. - Und ich denke mir: Das Leben kann in seiner einfachheit so schön sein..... :-)

Weil´s raus sollte, danach.....8

Irgendwann wurde ich zum gottbegnadeten Schweiger. Falls es Gott gibt. Die anderen sagen ja, ich für meinen Teil bezweifle das doch eher. Tut aber nichts zur Sache. Auf jeden Fall führt mein „freundliches Schweigen“ dazu, dass mir fremde Menschen die eigenartigsten Geschichten erzählen, ganz egal ob ich das hören will oder nicht. Wie die Fünfundsechzigjährige (65!), die das Folgende, wirklich Schräge, für mich auf Lager hatte: -> Vor gar nicht langer Zeit hatte sie mal wieder Lust die Stadt unsicher zu machen. In einem Lokal hat sie eine Gruppe junger Männer kennengelernt, die sie zu einer zu einer Tour durch mehrere Bars mitgenommen haben. Viel Spass und noch viel mehr Alkohol kennzeichneten die Nacht. Zum Abschluss ging es noch gemeinsam in eine Stripteasebar und da endet dann irgenwann ihre Erinnerung. Erwacht ist sie am nächsten Tag in einer ihr unbekannten Wohnung, splitternackt unter einer Decke. Am Tisch neben ihr eine geschlossene Flasche Champagner und ein Glas. Nachdem ihr die ganze Situation nicht ganz geheuer war, hat sie sich hastig angezogen, die Flasche Schampus unter den Arm geklemmt und den Heimweg angetreten. Zuhause angekommen greift sie in die Hosentasche um den Wohnungsschlüssel herauszunehmen, findet sie drei säuberlich zusammengefaltete fünfhundert Euro Noten. Sie hat sich dann einer genussvollen Dusche hingegeben, die Flasche Champagner geöffnet, ein Gläschen mit einem breiten Lächeln geschlürft und war mit sich und der Welt sehr zufrieden. Das Leben hat zu jeder Zeit seine schönen Seiten; so ihre abschliessenden Worte, mit denen sie mich dann wieder allein gelassen hat. Ich liebe diese Geschichte... :-)

Weil´s raus sollte, danach.... 7

Es sind widerliche menschenverachtende, andere herabsetzende Gestalten, die meinem Planeten das bunt verschmutzt haben. Und den Rest, den ganzen Rest hab ich dann selbst erledigt. Oder nicht ganz. Da hab ich schon ein wenig Hilfe gehabt. Erfolgreich wurde mir der Sinn des Lebens in seiner vollen Pracht und Blüte eingebläut. Oder eigentlich besser: ausgebläut. Erinnerungen, die immer wieder mal auftauchen. Sind schon sehr verblasst, zum Teil verschwunden. Aber so das fett Unterstrichene, das ist schon noch präsent. Die Striemen, die das Sitzen zur Qual machen. Haut die aufplatzt, Blut das über den Rücken rinnt. Und der Versuch es ohne Tränen zu überstehen, ohne Schreien zu überstehen, zu gewinnen, gegen das, was da geschieht. Hab ich aber nie geschafft. Ist mir, soweit ich mich erinnern kann und überhaupt noch will, nie gelungen. Ist aber in Kombination mit einprägsamen Merksätzen schon wieder fast zum Comic mutiert; "Wenn Du nichts mehr hast, kannst Du Dich immer noch auf Deine Familie verlassen. Die Familie ist das Einzige, was Dir immer bleiben wird.“ Dass ich mich am Heimweg von der Schule schon kräftig anspeibe vor Angst, vor dem was mich zuhause erwartet, gehört dazu, zum erquickenden Familienglück. Weil die Schulnote nicht dem Niveau des Hauses entspricht, in dem ich Glücklicher aufwachsen darf. Weil ich die Schule geschwänzt habe. Weil ich mein Federpinal verloren habe. Weil ich seit Wochen keinen Bock mehr darauf habe in den Turnverein zu gehen. Weil ich meine Schultasche liegen gelassen habe. Weil ich, was weis ich getan habe; Gründe hat es wirklich genug gegeben mich „wie einen Tanzbären abzudreschen“, damit ich mir endlich mal merke was so Sache ist. Denn „ich werde Dir schon noch beweisen, wer von uns beiden der Stärkere ist“. Und ich muss jetzt gestehen; es hat wirklich was gebracht. Und wie! Es hat mich zum Lügner gemacht, zum ausgezeichneten Lügner, zum exzellenten Lügner, zum exzeptionellen Lügener geradezu. Vielleicht hat es sogar meine Phantasie geschärft, weil ich mir permanent Lügen einfallen hab lassen. Wer weiss? Und der wirklich grandiose Lügner wäre ich sicher bis heute geblieben. Hätte sich nicht irgendwann, ganz plötzlich, eines Tages mein Planet bei mir vorgestellt. Schön, bunt, lustig, zärtlich, sonnig (immer sonnig!), voller fröhlicher Geschichten, genussvoll, leidenschaftlich schräg, umwerfend komisch, mein lange vermisster Platz im Universum einfach. Plötzlich war er in meinem Kopf und lange auch in meiner Realität. Bis er begonnen hat langsam grau zu werden. Wie Seifenblasen sind sie zerplatzt, die bunten Bilder, die mich begleitet haben. Eines nach dem anderen. Wurden ersetzt durch Stille, Schweigen und Nichts. Ein Angst machendes Nichts, das ich einfach nicht betreten wollte, aber auch nicht verlassen konnte. Hat mich nicht mehr freigegeben und ich selbst mich auch nicht. Deshalb bin ich jetz da wo ich eben bin. Um mir meinen Planeten zurückzuholen. Den eurigen könnt ihr behalten, da geh ich drauf spazieren, weil´s anders ja nicht möglich ist. Aber den meinen; auf dem lebe ich. Und zu Gast ist nur, wer mir gerade bunt genug erscheint. Jawohl, wenn ich hier rausmarschiere, dann bin ich wieder dort. Und ihr könnt mir glauben; ich hab mich noch nie in meinem Leben so auf etwas gefreut, wie auf meine Rückkehr. Wird noch dauern, aber glücklicher Weise: nicht zu lange.

Weil´s raus sollte, danach.... 6

Irgendwann hat mir begonnen vor dem Grossteil der Menschen zu grausen. Vor der ungustiösen, selbstgefälligen Art über andere zu urteilen, andere auszugrenzen, auszurichten, sie herabzusetzen. Ausländer, Obdachlose, Behinderte, Andersdenkende, Sozialschmarotzer, andere Hautfarbe, andere Gesellschaftsschicht, anderes Wasweissichauchnoch. Oder Künstler, als sanftes Beispiel: „Weißt Du, woher Kunst kommt? Kunst mir einen Euro schenken. Ha, ha, ha......“ Blödes Arschloch, das verklärt vor dem höchst naturalistischen Landschaftsbild steht. „Das ist Kunst. Aber der komische Farbkleks; als abstrakte Kunst bezeichnen die das? Da kann ich ja gleich in die nächste Volksschule gehen. Denen geb ich eine Spende für ein paar Blättern von der Erstklasslern. Die haben dann zumindest wirklich was davon.“ Neben ihm, die blasse, vom Leben mit ihm Gezeichnete, leicht gebückt in der Haltung, peinlich berührt lächelnd, verschämt nickend. „Na ich hab doch recht, Schatzi. Sag schon, das ist doch jetzt aber wirklich die Wahrheit, es muss doch noch erlaubt sein laut die Wahrheit zu sagen. Kunst mir nicht einen Euro schenken, ha, ha, ha....“ Leck mich doch am Arsch, du ignoranter Vollkoffer und vor allem; verpiss dich in der Sekunde von meinem Planeten!

Weil´s raus sollte, danach.... 5

Stattdessen fliegt laut knatternd ein Helikopter über uns hinweg. „Fliegen können muss was Schönes sein“ sagt ein dürres altes Männlein neben mir und grinst mich breit an. Wem sagst du das, mein Alter... Mein Paradiesvogel, auf den linken Unterschenkel tätoviert, schaut zu mir herauf: „Sei nicht so ätzen, du hast dir sowieso schon vor langer Zeit deinem eigenen Planeten geschaffen!“ Stimmt auch wieder; aber der ist leider ganz schön aus seiner Umlaufbahn geraten. Sonst wäre ich ja nicht hier. Im Psychozentrum. Die kennen zwar meinen Planeten nicht, aber zumindest können sie mir auf dem ihren helfen. Und das ist viel mehr, als ich die letzten Jahre für mich selbst tun konnte. Ein Zwischenstopp, ein Generalservice, oder sogar ein technisches Update, weil die Grundkonstruktion ab dem ersten Tag gewaltig versaut wurde, irgend so was halt. Was es genau werden wird, ergeben die Gespräche der nächsten Tage. Da wird das ausgegraben werden, was ich so tief eingebuddelt habe, dass ich es selbst nicht mehr finde und mich auch nicht erinnern kann, was es eigentlich ist. Aber danach, danach möchte ich wieder zurück auf den in meinem Kopf geschaffenen Platz. Denn es gefällt mir in meiner bunten Welt, in der alles so ist wie ich es erdacht habe, alles so sein darf wie es will, sich auch immer wieder verändern darf, weil es dann wieder ist, wie es gerade sein soll. Wie eine Seifenblubberblasenwelt, die sich in jeder Sekunde neu erfindet, weil sie nur da ihre buntgewaltige Schönheit in aller Pracht zeigen kann. Mir, demjenigen, der diesen Planeten bewohnt und sich seiner ist; zeitweise sogar mit Gästen. Ist aber im Moment auch weit weg, eben wie auch jener, auf dem sich die anderen zwangsläufig aufhalten. Zugedeckt mit Angst, und zwar einer, die eigentlich gar nicht da sein dürfte. Weil sie nämlich nicht ist. Aber dann leider doch. In mir.....

Weil´s raus sollte, danach.... 4

Es ist immer wieder erschreckend, wie wohl ich mich in einem Zimmer fühle. In meinem Zimmer, in einem Zentrum für psychisch erkrankte Menschen. Allein. Wie gut es tut die Welt nach draussen zu sperren. Ich kann nicht kommen, ich kann nicht gehen. Aber sein kann ich wirklich ausgezeichnet. Da, wo niemand ist, da ist mein Sein ein perfektes. Für mich.
Von der Stärke der Schwäche, lese ich beim Gottesraum, dem zum Schweigen. Das ist doch wirklich nur Scheisse! Ich bin hier, weil ich mir nicht im Geringsten vorstellen kann allein zur zehn Meter entfernten Tankstelle zu gehen um mir Zigaretten zu kaufen. Weil meine unsichtbaren Monster am Weg lauern, um mich sofort zurückzujagen. Die Stärke der Schwäche. Ich bin so stark schwach, dass ich mich dauernd übergebend mit Blutdruckwerten von 18/32 mit Blaulicht nach Kittsee ins spital gebracht wurde. Drei mal hintereinander! Und trotzdem, gerade jetzt, in diesem Moment, in meinem neuen Reich, mitten im psychosomatischen Zentrum, da ist er, der kleine Lebenslustgedanke:
Meine Lust auf eine gute Flasche Welschriesling, einem zart gebratenen Zander, frisch gefangen im Neusiedler See, mit einem Hauch Knoblauch und ein paar Zweigen frischem Thymians aus dem Garten gewürzt, steigt ins Unermessliche. Genossen an einem einsamen Platz, unter einem schattenspendenden Baum, an einem herrlichen Sonnentag. Wobei die Betonung auf den einsamen Platz liegt.

Weil´s raus sollte, danach..... 3

Vor dem Frühstück. Am Weg zum Speisesaal. Vorbei an der Kapelle, dem religiösen Ruheraum. Ob Gott eine Hilfe ist? Für jene, die an ihn glauben sicher. Ist allerdings eine Gruppe von Menschen, denen ich nicht angehöre. Also muss ich an was anderem arbeiten. Am Glauben an mich selbst. Damit ich mich selbst wieder finde. Bin ich dann mein eigener Gott? Im göttlichen Sinne eigentlich ja. Denn Gott ist in uns allen, also sind wir auch alle Gott. Wenn wir an uns selbst glauben. Schwierige Geschichte, aber auch wieder ganz einfach.

Weil´s raus sollte, danach...... 2

Irgendwie ist es still geworden. Zimmer, Bett, Tisch, Sessel, Blick durch die Jalausie raus auf den Baum. Und Vogelgezwitscher. Bin ganz schön aufgedonnert, auf den Boden, der, den ich nicht so richtig beschreiben kann. Umgeben von den esoterischen „Mein Engel wird mich schon beschützen“-Menschen und den Allessammlern, den Knochengestellen, den Monsterkugelkörperträgern, den Vielunddauerrednern, den Nichtssprechern, den Vergewaltigungs- und Missbrauchsopfern, den Selbstverstümmlern, denen mit den toten Augen, Dauerlachern, Dauerschweigern, allen Ausformungen der psychisch Gequälten, allen, die das Leben nicht mehr aushalten oder die das Leben nicht mehr aushält, sind hier um mich versammelt. Oder eigentlich nur versammelt. Denn um mich ist ein eigenartiges Nichts. Deshalb bin ich hier. Weil es sich, erst unmerklich, dann immer schneller bis zum kompletten Wegsein verzogen hat. Mein Ich. Begleitet von ein paar körperlichen Schmerzen, einer extremen Angst und einer quälend tiefen Traurigkeit. Und jetzt bin ich im Nichts, und das tut weh. Macht wütend, macht traurig und vor allem macht´s hilflos. Alles wollte ich in meinem Leben sein, nur eines nie, nie wieder: hilflos.

Weil´s raus sollte, danach.... 1

Angekommen. Vom Pfleger in Empfang genommen. Und über das Haus aufgeklärt. Entmündigt auf Zeit. Also zumindest, was meiner Einstellung gegenüber dem Leben entspricht. Hier bin ich, weil mich Menschheit begonnen hat zu nerven. Und dann langsam das Aussen im Allgemeinen. Und dann hab ich begonnen Angst zu haben. Die ist dann stärker geworden. Bis ich das Draussen nicht mehr ausgehalten hab. Da bin ich dann nur mehr drinnen gewesen. Auf der Couch. Einmeterachzig mal achzig Zentimeter. Bis auf die eher seltenen Momente, die ich dann hinaus musste, hinaus gezwungen wurde, weg vom einzigen Platz an dem ich sein konnte. Irgendwann hab ich das – oder hat mein Geist das – nicht mehr verkraftet. Hat dem Körper befohlen aufzugeben. Der ist dann zusammengebrochen, in Ohnmacht gefallen und musste im Spital wieder auf Funktion gebracht werden. Kein Vergnügen, vor allem für meine Umwelt. Ich hab´s gar nicht so schlecht gefunden, das Wegkippen, nichts mehr fühlen müssen, Leben weggeben. Aber sie haben mich immer wieder zurückgeholt. Und von Kopf bis Fuss untersucht. Nichts, einfach gar nichts war zu finden. Also muss in der Psyche umgerührt werden. Denn scheinbar hat mein Geist dem Körper angeraten, das Leben nicht mehr weiterzuführen. Weil ich zu tief im Nichts versunken bin, als dass es noch lebenswert gewesen wäre. Psychischer Selbstmordversuch, sozusagen. Weil ich sowieso seit langem nicht mehr richtig gelebt habe. Eher dahinvegetiert, so eine Art geistiges Wachkoma mit schlechter Körperfunktion, nach aussen aber nicht echt sichtbar. Deshalb bin ich hier. Psychosomatisches Zentrum. Hergebracht von meinem Bruder. Und jetzt eben; angekommen. Der Pfleger spricht irgendwie langsam und deutlich, damit ich auch sicher alles verstehe. Ich lächle freundlich und beschliesse die Empfangsarie mit einem höflichen Danke schön. Denn ich bin hier, um mir mein Leben zurückzuholen. Das mit dem vielen Spass, dem Sex, der Lust, der Freude, der Leidenschaft, der Kreativität. Daran will ich hier arbeitenund hoffe, dass ich das aus meinem Kopf hinauswürgen kann, was mich erwürgt.....